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Die Situation

Der Fall Deutsche Telekom AG

Mit dem Börsengang der Deutsche Telekom AG waren große Versprechungen verbunden: Aus dem altgewohnten Beamtenapparat sollte ein profitables Unternehmen, ein richtiger “global player” werden. Die emsigen Werber brachten mit ihrem rund 100-Millionen-Mark teuren Werbefeldzug folgende Botschaften unters Volk:

Die Volksaktie

  • als Beteiligung an einem High-Tech-Unternehmen (dank der Telekom-Töchter T-Online (Internet) und T-Mobile (Mobilfunk)),
  • als Beteiligung an einem Unternehmen mit Substanzwert (durch Sachvermögen, wie zum Beispiel der Fernsehturm auf dem Berliner Alexanderplatz),
  • für den Kleinanleger als Zeichen für den Aufbruch der Deutschen in eine neue Aktienära
    (u. a. durch Rabatte und Treue-Prämien in Form von Gratisaktien).

Der Grund für den „Ausverkauf“ der T-Aktie gelangte weniger an die Öffentlichkeit:

Die Regierung brauchte damals dringend Geld bzw. wenigstens den Anschein von versilberbaren Werten, um die Kriterien des Maastricht-Vertrags auf dem Weg zum Euro zu erfüllen. Der Schuldenstand des Fiskus musste unter die magische Grenze von 60% des Bruttoinlandsproduktes gedrückt werden. Dieses erreichten Kanzler Kohl und Finanzminister Waigel nur, indem sie Telekom-Aktien pro forma an die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) verkauften. Nur mit diesem fiktiven Erlös durch die Umschichtung der Aktien aus der linken Tasche des Fiskus in die rechte konnten sie die Euro-Hürde nehmen. Die Regierung war also stark daran interessiert, dass die Telekom gute Zahlen vorweisen konnte. Gute Zahlen der Telekom waren gute Zahlen für den Kanzler. Allzu kritische Nachfragen waren eher unerwünscht.

Die lange umstrittene Privatisierung der Telekom kam der Regierung finanziell also sehr gelegen. Hatte sie diese doch, wenn auch mehr aus politischen Überlegungen heraus, schon im September 1994 durch einen Beschluss des Bundestages mit dem Postumwandlungsgesetz auf den Weg gebracht. Zum Jahresanfang 1995 wurde die Deutsche Telekom AG ins Handelsregister in Bonn eingetragen (HRB 6794). Damit war der Fiskus zunächst Alleinaktionär. Anders als bei den meisten Gründungen von Aktiengesellschaften brachte Vater Staat hier kein Geld ein, sondern den Bestand des alten Telefonzweiges der Bundespost. Es handelte sich also um eine sogenannte Sachgründung.

Genau an dieser Stelle des Übergangs von der öffentlichen Verwaltung zur Publikumsgesellschaft liegen die Probleme der Immobilienbewertung:

Bei der Umwandlung erhielt die Telekom per Gesetz das Recht, ihr Vermögen und damit auch Grundstücke und Gebäude wahlweise mit dem alten Buchwert der Verwaltung (22,9 Mrd. D-Mark) in die Bilanz zu übernehmen oder aber neu zu bewerten. Gleichzeitig mit der Eintragung wurde der Vorstand aber auch ermächtigt, sich bei den Anlegern frisches Kapital zu besorgen, indem er die Aktien an der Börse einführte.

Gerade an dieser Stelle kommt der Bewertung des Telekom-Vermögens eine zentrale Bedeutung zu:

Die Telekom wählte die Neubewertung, d. h. innerhalb weniger Wochen mussten Verkehrswerte für 35.000 Objekte erarbeitet werden. Ein Heer von Gutachtern wäre damit Monate beschäftigt gewesen. Daher wählten die Telekom-Oberen ein sogenanntes Massenbewertungsverfahren. Statt jedes einzelne Objekt unter die Lupe zu nehmen, wurden Klassen von Objekten zu Durchschnittswerten in die Bücher aufgenommen. Das neue Ergebnis waren 35,7 Mrd. D-Mark, errechnet von einer renommierten Beratungsfirma und testiert von ebenso renommierten Wirtschaftsprüfern. Diese wundersame Vermehrung schien zunächst einmal zu bestätigen, dass es bei dem ehemaligen Staatsbetrieb allerhand schlummernde Reserven gab, die es durch professionelles Management zu mobilisieren galt.

Damit schaffte sich die Telekom aber auch ein neues Problem. Die ausgegebenen Aktien konnten letztlich nicht mehr wert sein, als die Firma Telekom als Wert darstellte. Schließlich gibt es besondere rechtliche Vorschriften darüber, wie eine Bewertung zu erfolgen hat und welche Aufklärung der Börsenprospekt hierüber erbringen muss. Könnte jeder seine Bilanzen und Prospekte nach Belieben „dichten“, wäre es allzu leicht, den Anlegern straflos heiße Luft gegen gutes Geld anzudrehen.

Auf dem Papier war zunächst alles in Ordnung. Die Wirtschaftsprüfer segneten die Werte ab, wenn auch mit wachsenden Bauchschmerzen, wie uns jetzt vorliegende Unterlagen beweisen. Mit dem Stempel der Wirtschaftsprüfer ging es an die Platzierung der Aktien. Ende 1996 kamen zunächst 500 Millionen Anteile und im Juni 1999 noch einmal knapp 290 Millionen Stück unters Anlegervolk. Zusammen genommen ließen die Anleger dafür rund 40 Milliarden Mark in die Taschen des Fiskus fließen. Zusätzlich gab es Gratisaktien. Das tröstet heute allerdings kaum darüber hinweg, dass die meisten Kleinanleger einen guten Teil ihres Vermögens los sind, das u. a. auch zur Alterssicherung dienen sollte.

Den Insidern offenbarte sich aber schon sehr schnell, dass die Schätzwerte in den Büchern nicht haltbar waren. Ein Verkauf von Objekten zu den zugrunde gelegten Buchwerten war praktisch ausgeschlossen, weil entsprechende Preise am Markt nicht erzielbar waren. Spätere Gutachten und Stichproben ergaben zwischen Verkehrs- und Buchwert Differenzen in Größenordnungen von 20-50%. Die Telekom musste schrittweise die Buchwerte in ihren Bilanzen berichtigen, d. h. nach unten korrigieren. Die seitdem vorgenommenen Rückstellungen und Abschreibungen auf den Immobilienbestand in Milliardenhöhe gehen zwangsläufig zulasten der ausgewiesenen Gewinne. Unerwartete Abschreibungen und enttäuschte Gewinnerwartungen führen aber im Gegenzug zu fallenden Kursen.

Das Problem liegt jedoch nicht in der Korrektur selbst, sondern in folgender Frage: Seit wann wussten die Telekom-Vorleute um Ron Sommer, dass Bilanzen dank extrem hoher Buchwerte der Objekte geschönt wurden? Genau für diese Frage interessiert sich nun auch die Staatsanwaltschaft. Und sie hat auch wichtige Konsequenzen für die Anleger: Sollten im Zuge der Börsengänge wissentlich überhöhte Werte in die Prospekte übernommen worden sein, können die Prospektverantwortlichen für die hierdurch entstandenen Schäden der Anleger in Haftung genommen werden. Es ist also mehr als verständlich, wenn die Anleger jetzt enttäuscht sind – und sich daher fragen, wer sie mit welchen Tricks getäuscht hat.